Wenn ein Förderprogramm zum zweiten oder dritten Mal ausgeschrieben wird, passiert fast immer dasselbe: Das Bewertungsraster wächst. Nach jeder Jurysitzung kommt ein Kriterium dazu, weil ein Aspekt gefehlt hat. Nach drei Runden bewerten zwölf Jurymitglieder achtzehn Kriterien auf einer Skala von eins bis zehn — und niemand weiss mehr, warum ein Projekt vorne liegt.
Das ist kein Detailproblem. Ein Raster ist die Stelle, an der ein Programm seine Förderstrategie in eine Entscheidung übersetzt. Wenn es unscharf ist, wird auch die Entscheidung unscharf.
Weniger Kriterien, klarer gewichtet
In den Programmen, die wir betreuen, funktionieren fünf bis sieben Hauptkriterien am besten. Jedes bekommt eine explizite Gewichtung, die zusammen hundert Prozent ergibt. Diese Gewichtung ist die eigentliche strategische Aussage: Wenn «Team» dreissig Prozent zählt und «Produkt» zehn, dann hat das Programm entschieden, dass es in Menschen investiert und nicht in Prototypen. Das gehört auch so kommuniziert.
Unter jedem Kriterium stehen zwei bis drei Leitfragen — keine weiteren Unterkriterien mit eigenen Punkten, sondern Formulierungen, die allen im Gremium dasselbe Verständnis geben:
- Kann dieses Team das Produkt entwickeln und verkaufen?
- Ist das beschriebene Problem dringend, spezifisch und wiederkehrend?
- Existiert ein nachvollziehbarer Plan für die ersten zwölf Monate?
Kurze Skalen, klare Ankerpunkte
Zehnerskalen suggerieren eine Genauigkeit, die niemand hat. Zwischen einer 6 und einer 7 liegt kein Unterschied, den zwei Personen unabhängig voneinander gleich beurteilen würden. Eine kurze Skala reicht, wenn jede Stufe beschrieben ist: Was heisst die zweittiefste Stufe, was die zweithöchste? Ohne diese Ankerpunkte bewerten strenge Jurymitglieder systematisch tiefer als milde, und das Ergebnis misst am Ende die Zuteilung der Dossiers, nicht deren Qualität.
Ein Raster soll die Diskussion vorbereiten, nicht ersetzen. Die interessanten Fälle sind die, bei denen die Zahlen auseinandergehen.
Abweichungen sind das Signal
Der häufigste Fehler in der Auswertung: Man mittelt die Punktzahlen und liest die Rangliste von oben nach unten. Damit verschenkt man die wertvollste Information. Ein Dossier, bei dem drei Bewertende weit auseinanderliegen, ist nicht durchschnittlich — es ist umstritten. Genau diese Fälle gehören auf die Traktandenliste der Sitzung, während die einhellig bewerteten Dossiers meist wenig Diskussionszeit brauchen.
In Reviu lässt sich deshalb neben dem gewichteten Mittelwert auch die Streuung anzeigen und danach sortieren. Programme, die so vorgehen, berichten uns regelmässig, dass ihre Sitzungen kürzer werden — und die Begründungen gegenüber abgelehnten Bewerbenden belastbarer.
Kommentare sind Pflichtfelder
Eine Zahl ohne Begründung ist sechs Monate später wertlos. Wer eine Absage erklären, eine Nachförderung begründen oder ein Förderprogramm gegenüber der Aufsicht rechtfertigen muss, braucht Text. Ein kurzes Pflichtfeld pro Hauptkriterium — zwei Sätze genügen — erhöht den Aufwand pro Dossier um wenige Minuten und macht das gesamte Verfahren nachvollziehbar.
In der Praxis: Vor der nächsten Ausschreibung lohnt sich ein Testlauf mit fünf Dossiers aus der letzten Runde. Wenn zwei Personen unabhängig bewerten und deutlich auseinanderliegen, liegt es fast nie an den Personen — sondern an einem Kriterium, das zwei Dinge gleichzeitig misst.